Theaterprojekt


Illustrationsbild der mörder in mir - ein Amoklauf

Amokläufer sind böse Menschen.
Amokläufer spielen Egoshooter.
Amokläufer sind männlich.

Vier Mädchen allein auf einer Bühne. Bereit zu reden, über das was war und sein wird. Über Ansprüche in der Familie, die unerfüllbar scheinen, Demütigungen in der Schule und über ihre Körper, die nicht perfekt sind. Bis sie an den Punkt kommen, an dem es genug ist.

„Wenn man weiß, dass man in seinem Leben nicht mehr glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem Nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden. Und dafür habe ich mich entschieden. Es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben.“

Aus dem Abschiedsbrief des Amokläufers Bastian B., Emsdetten

Wir, Karen Becker und Tabea Hörnlein, zwei Studentinnen der Angewandten Kulturwissenschaften der Universität Hildesheim, proben seit Dezember mit Schülerinnen der neunten Klasse des Gymnasiums Alfeld. Ausgangspunkt der Theaterproduktion sind persönliche Erlebnisse der Spielerinnen, die im Laufe des Probenprozesses zugespitzt, mit Bildern kontrastiert und für die Bühne bearbeitet wurden.
Wünsche, Träume, Hoffnungen aber auch Ängste, Probleme und Frustrationsmomente werden gezeigt und thematisiert, die Konflikte dabei weder bagatellisiert noch moralisiert, sondern dar- und ausgestellt.
Die künstlerische Bearbeitung des Themas verzichtet bewusst auf eine wertende Position, um dem Publikum, dem Jugendlichen wie auch dem Erwachsenen, eine Auseinandersetzung und Beschäftigung mit dem Thema zu ermöglichen, die sich zunächst nicht auf ein moralisches (Vor-)Urteil gründet.

„[…] Kinder wollen im Theater nicht geschont werden. Sie fühlen sich erst dann wirklich ernst genommen, wenn im Spiel auf der Bühne ihre eigenen Grenzerfahrungen sichtbar und erlebbar werden.“

 Kristin Wardetzky

Die theatral angereicherten Konflikte sollen durchlebt, gehört und gesehen werden, um sie im Anschluss, in einer theaterpädagogischen Nachbearbeitung, zu reflektieren.

Unser Arbeitsansatz

„Ich begreife Theater als einen politischen Akt, es geht mir um den aufrechten Gang - darum, den Leuten, den normalerweise nicht zugehört wird, eine Stimme zu geben.“

Uta Plate, Theaterpädagogin

IllustrationsbildDas Thema Amoklauf an Schulen wird kontrovers diskutiert: von Medienexperten, Videospielern, Dokumentarfilmern, Geschlechterforscher- man könnte diese Liste endlos fortsetzen, nur Schüler, egal ob gute oder schlechte, werden nie befragt.

Wir sahen in einem Theaterprojekt mit Jugendlichen die Chance, über das Thema aus Schülersicht zu diskutieren. Einen Blick in ihre ganz persönlichen Ängste und Träume zu wagen, nicht um sie bloßzustellen, nicht um sie als potentielle Amokläufer zu behaupten, vielmehr, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Inne zuhalten in ihrem Alltag, sich umzublicken und zu verstehen, was sie umgibt, zu begreifen, das Situationen und (Schul-)mechanismen nicht unabänderlich sind. So kam es zu folgendem Wortwechsel zwischen Leitung und einer Teilnehmerin:

TN :   Übrigens: Ich werde niemals Amok laufen :)
SpL:   Das beruhigt mich.
TN:    Ich hab Leute, die hinter mir stehen und mir das jeden Tag sagen :D


 […]ich [fühle] mich manchmal wie von einem anderen Stern, wenn ich keinen Unterschied machen will zwischen Erwachsenen und Kindern, wenn ich Kinder ernst nehmen will und mich […]

Friedrich Karl Waechter

Nach folgenden Ansätzen haben wir gearbeitet:

  1. Biografische Theaterarbeit
    Wir nutzen den biografischen Ansatz vor allem dazu, Themenfelder abzustecken, die sich in den Erfahrungen der Spielerinnen rückkoppeln.
    Zu einzelnen Erfahrungen schrieben die Teilnehmerinnen mit den Mitteln des kreativen Schreibens Monologe.
    Es wurden jedoch auch Fremdtexte in die Textfassung aufgenommen, die ähnliche Thematiken behandeln.
    So wird den Spielerin ermöglicht, nicht in die Verlegenheit zu kommen, sich selbst spielen zu müssen, sondern in eine Rolle zu schlüpfen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie sie selbst.
  2. Ortsspezifität
    Die Proben sind so angelegt, dass sie die Möglichkeit des zur Verfügung stehenden Raums ausloten und ihn nutzbar machen für szenische Aussagen.
    Im Endprodukt wird konsequent auf ein aufwendiges Bühnebild verzichtet, das einen imaginären Ort schafft, der (Aula-)Raum selbst wird zum Ort der Darstellung.
  3. Verbalisierung/ Abstraktion
    In Materialimprovisationen fanden die Spielerinnen eigene szenische Lösungen, die später mit Texten zusammengefügt wurden. So werden Verfremdungen und (theatrale) Bilder hervorgerufen, die auf Realsituationen und Erfahrungen des Zuschauers (z.B. Medienbilder von Amokläufen) verweisen, diese aber bewusst nicht nachinszenieren.

Tabea Hörnlein, Karen Becker


Zur Problematik dieses Stücks

Das Theaterprojekt der beiden Studentinnen der Uni Hildesheim hat für viele erregte Diskussionen im Kollegium und darüber hinaus gesorgt.
Gestern haben sich der Schulleiter und zwei Vertreter des Personalrats eine öffentliche Durchlaufprobe des selbst geschriebenen Stücks angesehen, das die Studentinnen des Fachbereichs „Angewandte Kulturwissenschaften“ mit vier Schülerinnen des 9. Jahrgangs erarbeitet haben und nach den Osterferien aufführen möchten.
Auch der Präventionsrat sich auf Anregung des Schulleiters in seiner gestrigen Sitzung mit diesem Projekt beschäftigt.
Im Zentrum der erheblichen Bedenken steht die Frage, ob wir es als Schule verantworten können, die Vorführungen in einer schulischen Pflichtveranstaltung mit den 9. und 10. Klassen zu besuchen. Denn es bleibt offen, wie die Thematik der Verzweiflung jugendlicher Menschen, von Amoklauf und Suizid von jenen Teilen unserer Schülerschaft aufgenommen wird, die in ihrer aktuellen Lebenssituation mit gerade mit diesen Problemen schwer zu kämpfen haben und deswegen u.U. die erste große existentielle Krise ihres Lebens durchlaufen.
Im Präventionsrat wurden von den Eltern- und Kollegiumsvertretern, Mitgliedern der Schulleitung und den beiden Beratungslehrern große Befürchtungen geäußert, dass die große Betroffenheit und ggf. Verstörung dieser Gruppe von Schülerinnen und Schüler auch durch die geplante Nachbereitung des Theaterbesuchs im Unterricht nicht aufgefangen werden könne. Die Auswirkungen einer theatralischen Vorführung der skizzierten Probleme, die die Schülerinnen und Schüler möglicherweise (wir wissen es eben nicht !) aktuell im Kern ihrer Persönlichkeit bedrängen, scheinen unkalkulierbar und nicht antizipierbar, d.h. mit einem großen Risiko verbunden.
Die Schule sollte sich darüber im Klaren sein, dass sie nicht in der Lage ist, solchen ungeahnten Reaktionen, die das Innerste der Persönlichkeit berühren, angemessen begegnen und den Schülerinnen und Schülern nicht die Hilfe zuteil werden lassen kann, die sie benötigen würden und die der Situation angemessen wäre.

Die ernsten Bedenken vieler Kolleginnen und Kollegen, des Personalrats, des Präventionsrats und der Beratungslehrer erscheinen mir nicht unberechtigt.

Nach langer und gründlicher Prüfung habe ich mich daher entschlossen, die geplanten Schüleraufführungen am Vormittag abzusetzen.
Ein klassenweiser Besuch der Aufführung im Sinne einer verpflichtenden Schulveranstaltung findet also nicht statt.
Eltern, Lehrkräfte und ältere Schülerinnen und Schüler haben die Gelegenheit, das Stück in einer der (freiwilligen) Abendveranstaltungen zu besuchen.
Ich bitte alle Lehrkräfte, auch für die Abendveranstaltungen keine verbindlichen Besuche der Aufführung anzusetzen.

Eltern und Lehrkräften möchte ich einen Besuch dieser interessanten, nachdenklich-leisen und (nach meinem Eindruck) ganz und gar nicht agitatorischen Inszenierung ausdrücklich empfehlen.

Andreas Unger
Oberstudiendirektor




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